Hilfe zur digitalen Selbsthilfe:
Chance+ startet Pilotprojekt „PC Kurs für Frauen mit Fluchthintergrund“

Im Computerraum von IN VIA in Köln, ein Teilprojekt von CHANCE+, arbeiten drei Frauen an Computern. Die Stimmung ist ruhig, entspannt und konzentriert. Die Dozentin des PC Kurses für Frauen mit Fluchthintergrund, Patrycja Lüders, schaut auf die Bildschirme, vor denen die Frauen sitzen, gibt Tipps und beantwortet Fragen. Der PC Kurs vermittelt erste Grundlagen. Ziel ist es, die Teilnehmerinnen fit zu machen im Umgang mit Computer, Tablet oder Smartphone.

„Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung“, sagt Patrycja Lüders. „Die Kommunikation mit dem Jobcenter läuft überwiegend digital. Da stehen viele vor kaum zu überwindenden Hürden.“ Lüders ist nach einer abgebrochenen Ausbildung als IT Systemkauffrau, Lehrerin geworden. Jetzt arbeitet sie in einer Beratungsstelle für Geflüchtete. Gemeinsam mit Silke Martmann Sprenger, Projektleiterin von Chance+, erstellte sie das Konzept für diesen niederschwelligen PC Kurs. Da beide sehr genau wissen, vor welchen Problemen geflüchtete Frauen stehen, waren sie in der Lage ein speziell zugeschnittenes Paket zu schnüren. „Wir holen Frauen in ihren Lebenswelten ab, machen Mut und bieten in überschaubaren Einheiten „frisches“ Wissen an“, so Martmann Sprenger. „Das gelingt, weil die Mitarbeitenden von CHANCE+ durch Intensivberatung und die freiwillige Projekt-Teilnahme einen besonders guten Zugang zu Menschen mit Fluchterfahrung aufbauen können.“

Charlotte Pilatus koordiniert die Teilnehmerinnen. Sie arbeitet in der Flüchtlingsberatung von IN VIA. Da der Netzwerkpartner einen PC Schulungsraum hat, konnte hier der Kurs angeboten werden. „Es ist zeitlich nicht einfach für die Frauen, an Weiterbildungen teilzunehmen und kontinuierlich dabei zu bleiben,“ erklärt Charlotte Pilatus, „viele haben Kinder, Arbeit oder beides. Hinzu kommen sprachliche Hürden.“ Die Initiatorinnen von CHANCE+ sehen daher großen Vorteil darin, ein erstes PC-Lernmodul in Präsenz und in kleiner Gruppe durchzuführen. Erst danach ist ein digitaler Aufbaukurs mit flexiblem Fernlernen sinnvoll.

In dem fünftägigen Kurs geht es darum, eine Basis zu schaffen. Wie werden Daten auf dem Smartphone gespeichert, wie wird ein Ordner angelegt, ein Dokument mit dem Handy gescannt, und wie wird der ganze „Papierkram“ über das Smartphone organisiert. Das sind die Fragen, die hier beantwortet werden. „Wir arbeiten im ersten Schritt mit dem, was die Teilnehmerinnen haben, dem Smartphone also. Jede weiß ein bisschen was,“ sagt die Dozentin Patrycja Lüders. Sie erläutert die digitalen Vorgänge einfach und alltagsnah. So wird beispielsweise das Ordnersystem mit dem Bild einer Kommode erklärt, in die man Dateien sortieren kann, wie man farbige Socken in eine Kommode sortiert.

Die drei Frauen, die hier zusammen lernen, kommen aus unterschiedlichen Ländern. Yasmina (Name geändert) kommt aus Tadschikistan. Sie ist 26 Jahre alt und hat in Tadschikistan Germanistik studiert. Ihr Studium wird hier nicht angerechnet, also bemüht sie sich aktuell um eine Ausbildung als Hebamme oder ein Studium in der Sozialen Arbeit. Sie sagt: „Vor dem Kurs konnte ich den Computer nur an- und ausmachen. Jetzt weiß ich wie Google Drive und Acrobat funktioniert. Wir lernen hier jeden Tag etwas Neues.“ Gerade gestaltet sie mit PowerPoint ein Türschild für ihren Sohn. Die Frau neben Yasmina heißt Hasnaa, ist 50 Jahre alt, und kommt aus Syrien. Dort war sie Beamtin und hat arabische Literatur studiert. Vor allem der Umgang mit den deutschen Begriffen fällt ihr schwer, aber auch sie hat schon viel gelernt, wie sie sagt.

Leyla, die dritte Frau, ist 36 Jahre alt und kommt aus dem Iran. Sie ist gerade dabei einen Antrag auf Berufsausbildungsbeihilfe online auszufüllen, denn sie möchte am 1. Oktober eine Ausbildung zur Schutz- und Sicherheitsfachkraft anfangen. Lüders kann hier ganz lebenspraktisch erklären, wie das am PC geht. „Ich habe zwar schon mit Computern gearbeitet, aber ich kenne die deutschen Wörter nicht“, sagt Leyla. Im Iran hat sie einen Bachelor als Architektin und einen Bachelor als Touristenmanagerin gemacht. Aber aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse, findet sie in diesen Berufen keine Arbeit. „Flucht ist immer auch Verlust,“ sagt Lüders. „Es ist keine Seltenheit, dass hohe Berufsabschlüsse zwar anerkannt werden, aber keine Arbeit gefunden wird. Und da das Aufenthaltsrecht an „Ausbildung“ und „Arbeit“ gekoppelt ist, kommt es häufiger vor, dass „Professoren“ beispielsweise eine Ausbildung zum Gärtner machen“.

Aufgrund ihrer eigenen Biographie kann sich Lüders gut in die Frauen hineinversetzen. Ihre Familie kam als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland, als sie selbst noch ein Kind war. Sie kennt die Scham, nicht dazuzugehören. Und sie weiß, wie es ist, wenn Kinder die Briefe, beispielsweise eine Stromrechnung, für ihre Eltern übersetzen müssen. Daher ist es ihr wichtig, mit diesem Kurs „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. Zwar kann der Kurs hierfür nur Impulse setzen, aber: „es ist ein großer Erfolg für mich, wenn die Frauen sagen: Ach, das kann man damit auch machen? So einfach ist das?!“

 

Barbara Bechtloff