Fachkräftesicherung durch gute Kooperation

Durch eine Kooperation von CHANCE+ und den Sozial-Betrieben-Köln (SBK) werden geflüchtete Menschen an den deutschen Arbeitsmarkt herangeführt. Im Idealfall kommt es nach einer Erprobungsphase zu einem festen Beschäftigungsverhältnis. Bei Sonya M.* scheint dies zu gelingen.

Eigentlich ist der Arbeitstag von Sonya schon beendet. Dennoch geht sie kurz in das Bewohnerzimmer eines alten kurdischen Mannes, um sich mit ihm zu unterhalten. Es ist ihr dritter Arbeitstag im Pflegeheim der SBK in Köln-Mülheim.

Mit einer selbstverständlichen Bewegung zieht sie den Rollator des Mannes zu sich, um ihm gegenüber darauf Platz zu nehmen. Der Mann selbst sitzt im Rollstuhl. Vom Gesicht der zierlichen 26-Jährigen sind nur die dunklen Augen zu sehen, die lebhaft über den Rand der FFP2-Maske blicken. Ihre Haare sind unter einem Kopftuch verborgen.

Hälfte der Bewohner*innen hat Migrationsgeschichte

Die beiden sprechen Kurdisch miteinander. Der alte Herr spricht kaum Deutsch. Sonya schon. Außerdem versteht sie Arabisch und Persisch. Sie hat, nachdem sie vor sechs Jahren mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist, die neunte und zehnte Klasse nachgeholt und kann inzwischen Deutschkenntnisse auf dem Sprachniveau B1 nachweisen. Das sind gute Voraussetzungen für die Arbeit in dem Altenheim, das in einem Kölner Stadtteil liegt, in dem der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund besonders hoch ist.

„Wir leben hier Kulturen“

Der damalige Geschäftsführer der SBK hatte vor zwölf Jahren beschlossen, ein kultursensibles Pflegeangebot für Menschen in Köln-Mülheim zu etablieren. „Damals erforderte das eine Menge Öffentlichkeitsarbeit“, berichtet Kirsten Tokarek, Pflegedienstleiterin und stellvertretende Einrichtungsleiterin. Viele Menschen mit Migrationshintergrund hätten ihre alten Familienmitglieder nicht in eine Betreuung geben wollen. In ihren Kulturen war dieses Konzept nicht vorgesehen. Mittlerweile arbeiten auch in Zuwandererfamilien viele Frauen, so dass die Möglichkeit einer Betreuung zuhause selten gegeben ist. So haben heute fast die Hälfte aller Bewohner*innen in dieser Einrichtung eine Migrationsgeschichte.

„Wir leben hier die Kulturen“, sagt Tokarek. „Das Essen ist halal und wir haben einen Gebetsraum“. Kirsten Tokarek führt die neue Mitarbeiterin über den Flur, an dessen Wänden neben Bildern eines türkischen Marktes, Bilder vom Markt aus Köln Mühlheim hängen. Der Gebetsraum liegt gegenüber der Bewohnerzimmer. Hier gibt es einen Raum für rituelle Waschungen vor dem Gebet und einen kleinen Raum, in dem Teppiche liegen, die Richtung Osten ausgerollt sind. Das Fenster ist mit einer Folie beklebt, die das Muster eines Fensters einer berühmten Moschee zeigt. Im Flur leuchtet eine Digitalanzeige mit fünf Zeiten. „Das sind die Gebetszeiten für Muslime“, erklärt Sonya.

Der Arbeitstag von Sonya hat heute um acht Uhr begonnen. Sie arbeitet jeden Tag vier Stunden, an fünf Tagen in der Woche. Vermittelt wurde die junge Frau von CHANCE+, einem ESF Projekt, das vom Jobcenter Köln koordiniert wird. Sonya ist eine von rund 1.800 CHANCE+ Teilnehmer*innen. Das Netzwerk fördert die Integration von Geflüchteten in den ersten Arbeitsmarkt. Sonya wurde dort umfassend beraten und begleitet in Richtung Berufseinstieg in der Pflege. Bei den SBK ist es wiederum die Aufgabe von Hanne Cürten, Leiterin der Abteilung „In-Jobs“, Einsatzmöglichkeiten für Teilnehmende bei den SBK zu finden und diese zu unterstützen.

Ein Gewinn für beide Seiten

Sonya wurde zunächst ein Praktikum in einem SBK Pflegeheim in Köln-Riehl angeboten. Dort waren alle von der wissbegierigen, motivierten Frau begeistert. Auch Sonya gefiel die Arbeit gut. Das Ausbildungsangebot nahm sie nur zu gerne an. Ein Gewinn für beide Seiten: Zum 1. August wird sie die einjährige Ausbildung zur Pflegefachassistentin in der SBK-eigenen Ausbildungsakademie beginnen. „Wenn das hier gut läuft, möchten wir sie, bis zu Beginn ihrer Ausbildung im August, in eine geringfügige Beschäftigung übernehmen, also einen 450 Euro Job“, erklärt Cürten, die mit ihrer Abteilung versucht, Menschen im Hilfebezug dem Arbeitsmarkt wieder näher zu bringen. „Bei Sonya mache ich mir überhaupt keine Sorgen, dass das klappt“, sagt Cürten optimistisch.

Berufliche Perspektiven schaffen

Sonyas Arbeitstag ist für heute beendet. Sie hat den Kolleg*innen über die Schulter geschaut, ist eingesprungen, wenn es was zu helfen gab, hat Bewohner*innen in ihrem Rollstuhl geschoben, Essen ausgeteilt oder sich mit den Menschen unterhalten. „Menschen zu helfen, macht mir große Freude“, erklärt die junge Frau. Und: „Der Job hilft mir mit der Sprache und berufliche Erfahrungen zu machen“. Auch mit den Kolleg*innen klappe es gut. Und dann fängt sie an zu strahlen: „Hier gibt es immer türkischen Tee, wie in meiner Heimat!“

Pflegekräfte werden derzeit überall händeringend gesucht. „Mit ihrer Ausbildung erhält Sonya eine sehr gute Perspektive für die berufliche Zukunft“, so Cürten und ergänzt: „Hoffentlich liegt diese bei den SBK, für die es ein großer Gewinn ist, eine so engagierte Mitarbeiterin gewinnen zu können. Ohne die gute Kooperation mit CHANCE+ wäre das nicht möglich gewesen“.

 

*AdR: Es wird bewusst nur der Vornamen genannt.

 

Barbara Bechtloff